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Antwort von Heike Moldenhauer (Gentechnik-Expertin des BUND)
an Dr. Reinhard Göhner (CDU)

Sehr geehrter Herr Dr. Göhner!

"Die Gentechnologie ist die Antwort. Was aber war die Frage?" lautet ein Zitat von Christine von Weizsäcker, die Sie in Ihrer Eigenschaft als Mitglied im Präsidium des Evangelischen Kirchentags sicher als Gesprächspartnerin kennen.

Frau von Weizsäckers Bonmot zwingt uns zur tieferen Beschäftigung mit dem Problem des Welthungers, für den Sie in Ihrem Antwortschreiben die Gentechnik als mögliche und ethisch notwendige Lösung postulieren.

Sie wissen sicher, dass weltweit nicht etwa zu wenig Nahrungsmittel vorhanden sind, um alle Menschen der Erde vor Hunger zu bewahren, sondern dass das weltweite Hungerproblem vor allem auf eine ungerechte Verteilung der Nahrungsmittel zurückgeht. Hunger ist ein gesellschaftliches und politisches Problem, dass sich nicht durch den Einsatz einer Technik lösen lässt.

Eine Lösung des Welthungerproblems kann nur durch eine Vielzahl kleinteiliger, dezentral wirkender und nachhaltig organisierter Maßnahmen gelingen: durch die Bekämpfung von Armut und Misswirtschaft, die Beendigung kriegerischer Auseinandersetzungen sowie den Zugang zu Land, Saatgut, Wasser und zu einheimischen Märkten. Ein wichtiger Schlüssel liegt in einer gerechten Welthandelsstruktur, d. h. im Abbau von ungerechtfertigten Handelsbarrieren für die Entwicklungsländer und der Absenkung der in den Industrieländern immer weiter ausufernden Agrarsubventionen. Auch die züchterische Weiterentwicklung lokal angepasster Pflanzensorten und die Nutzung indigenen Wissens können helfen, den Welthunger zu bekämpfen. Gerade solche Strategien aber rechnen sich für internationale Saatgutkonzerne nicht und werden daher vernachlässigt.

Die Agro-Gentechnik taugt dagegen nicht, den heutigen und zukünftigen Welthunger zu bekämpfen. Bei ihr handelt es sich um eine Technologie, die – wenn überhaupt – bestimmten Bauern in den Industrienationen kurzfristige Vorteile sichern kann, die gesamtgesellschaftlich aber teuer erkauft sind (Verlust an Biodiversität, landschaftliche Verarmung durch Monokulturen, langfristig erhöhter Bedarf an Herbiziden und Pestiziden). Die oligopolen Markstrukturen im Bereich der Agro-Gentechnik, wo nur ein halbes Dutzend Marktteilnehmer aktiv sind und der US-amerikanische Konzern Monsanto annähernd 90 Prozent des Marktes kontrolliert, sorgen dafür, dass diese Technologie einseitig dem Shareholder-Value von Aktienbesitzern der beteiligten Unternehmen nutzt. Bauern in den Entwicklungsländern haben sie nicht im Blick.

Dass global betrachtet die Frage des Einsatzes der Gentechnik in der Landwirtschaft längst positiv beantwortet sei, wie Sie in Ihrem Schreiben behaupten, lässt sich nicht einmal aus den Zahlen der ISAAA (siehe unten 1) herauslesen. Knapp 90 Millionen Hektar, auf denen im vergangenen Jahr GVO-Produkte angebaut wurden, sind nicht einmal sechs Prozent der weltweiten Anbaufläche. Den weitaus größten Anteil daran haben mit über 55 Prozent die Vereinigten Staaten. In Entwicklungsländern findet ein Anbau nur in äußerst geringem Maßstab statt. Zumeist handelt es sich dabei um Baumwolle, die – wie unlängst eine Studie über den Anbau in China zeigte – ihre Vorteile gegenüber konventionellen Baumwollsorten nach wenigen Jahren wieder einbüßte (siehe unten 2)

Dass die gesamte Landwirtschaft heute eine Gentech-Landwirtschaft sei, wie Sie behaupten, ist ebenso falsch. Wie Sie sicherlich wissen, beschränkt sich der Anbau von Gentech-Pflanzen im Wesentlichen auf Nord- und Südamerika, in der EU findet ein kommerzieller Anbau in nennenswertem Umfang allein in Spanien statt. In Deutschland kommen im Jahr 2006 auf eine Maisanbaufläche von 1,7 Millionen Hektar gerade 970 Hektar Genmais – hier von einer Gentech-Landwirtschaft zu sprechen, erscheint arg übertrieben.

Sie verweisen auf die großen Mengen gentechnisch veränderter Futtermittel, die jährlich in die EU eingeführt werden. Diese sind seit April 2004 kennzeichnungspflichtig, nicht aber die Produkte, die mit ihrer Hilfe erzeugt werden. Landwirte wissen also, ob sie genverändertes Futter kaufen. Verbraucher hingegen wissen nicht, ob Milch, Fleisch und Eier von Tieren stammen, die mit Gentech-Futter ernährt wurden. Dass es diese Kennzeichnungslücke gibt und aufgrund fehlender Kennzeichnung keine Wahlfreiheit, liegt am Abstimmungsverhalten der konservativen Abgeordneten des Europaparlaments, also an Vertretern Ihres politischen Lagers. Diese haben sich bei der Verabschiedung der EU-Regeln für die Gentech-Kennzeichnung nicht auf die Seite der Verbraucher, sondern auf die Seite der Gentech-Firmen gestellt.

Wenn Landwirte Gentech-Futtermittel einsetzen, liegt das am geringeren Preis und der oftmals schlechten Verfügbarkeit von gentechfreien Futtermitteln. Jedoch gibt es Bewegung am Markt. So hat die Raiffeisen-Genossenschaft im Frühling dieses Jahres ihr Werk in Würzburg komplett auf gentechnikfreie Futterproduktion umgestellt. Der Grund: Druck von Landwirten und Händlern. Und zu den Markenfleischprogrammen, die seit Jahren keine Gentechnik einsetzen, gesellen sich zunehmend Molkereien, die als „gentechnikfrei“ ausgewiesene Milch anbieten.

Alle Erfahrungen mit den seit April 2004 geltenden Kennzeichnungsverordnungen zeigen deutlich: Überall, wo GVO für den Verbraucher sichtbar werden, verschwinden sie vom Markt.

Was den Schwellenwert von 0,9 Prozent angeht, so können ihn nur die Unternehmen für sich in Anspruch nehmen, die nachweisen, dass die gentechnische Verunreinigung ihres Produktes „zufällig“ und „technisch unvermeidbar“ war. Setzen sie Gentechnik bewusst ein, müssen sie ihre Produkte auch unterhalb von 0,9 Prozent als „genetisch verändert“ kennzeichnen. Es handelt sich nicht, wie Sie offenbar glauben, um einen Schwellenwert für zulässige gentechnische Kontamination.

Sehr geehrter Herr Göhner, das Bild, das Sie von der angeblichen Durchdringung der Landwirtschaft mit Gentechnik zeichnen, entspricht nicht den Tatsachen. Vielmehr spielen Sie mit Ihren Behauptungen den Industrievertretern in die Hände, die ebenfalls suggerieren, in Bezug auf die Gentechnik sei alles längst entschieden und Widerstand zwecklos.

Die Entscheidungen fallen jetzt. Also, setzen Sie sich für das Recht der Landwirte und Verbraucher ein, weiterhin gentechnikfrei produzieren und essen zu können!

Mit freundlichen Grüßen,
Heike Moldenhauer – BUND

zu 1.: Der International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications wird von den großen international tätigen Gentechnikkonzernen finanziell gefördert. Seine jährlich erhobenen Daten zum Anbau von GVOs standen wiederholt als nicht ausreichend transparent und deutlich überhöht in der Kritik.

zu 2.: Gentech-Baumwolle ist ein schlechtes Geschäft, in FTD vom 26.07.2006.

Herrn Dr. Goehners Brief lesen

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